Jun 052015
 

Mutter der Zirkusfamilie: «Wir wollten nie einen eigenen Zirkus aufbauen»

Noch im Alter von 78 Jahren reist Hildegard Muntwyler mit dem Circus Monti und ihrer Familie durch die halbe Schweiz – sie möchte kein anderes Leben. aw
Quelle: Andrea Weibel
Hildegard Muntwyler (78) war sehr skeptisch, als ihr Mann den Circus Monti gründen wollte. Im Interview erzählt sie, wie alles anfing. Und dass es Momente gab, als sie spürte, dass ihre Zirkusfamilie nicht ganz ernst genommen wurde. von Andrea Weibel

Hildegard Muntwyler hat beinahe Seesicht. Jedenfalls während zweier Wochen. Ihr Holzwagen Nummer 19, den sie während gut acht Monaten im Jahr bewohnt, steht derzeit zusammen mit knapp 100 Zirkuswagen, Campings und Zugfahrzeugen etwa 50 Meter vom Vierwaldstättersee entfernt in Luzern in der rot-weissen Wagenburg des Circus Monti.

Von ihrer Türe trennen sie nur wenige Schritte vom grossen Chapiteau. In ihrem Wagen fühlt sich die Mitbegründerin des Wohler Zirkus genau so wohl wie in ihrem Haus in Wohlen. Sie sagt, sie möchte gar nicht das ganze Jahr über im Freiamt wohnen. Doch vor 30 Jahren war sie noch nicht ganz gleicher Meinung.

Frau Muntwyler, Ihr Mann Guido war immer ein grosser Clown- und Zirkusfan. Sie auch?

Hildegard Muntwyler: Nein, gar nicht. Ich kannte die Zirkusse, denn früher kamen viele nach Wohlen. Als Schulkind ging man fast jedes Jahr in den «Knie», der damals auch noch im Dorf gastierte. Aber mich beeindruckte das nie.

Dennoch gründeten Sie gemeinsam mit Ihrem Mann einen der heute bekanntesten Zirkusse der Schweiz. Wie kam es dazu?

Angefangen hat alles, als der Wind dem Circus Olympia das Zelt zerrissen hatte und Direktor Dominik Gasser den Wohler Rektor – meinen Mann – anfragte, ob sie eine Turnhalle oder Ähnliches hätten, wo der «Olympia» auftreten könnte. Guido organisierte den Chappelenhofsaal. Seit damals waren sie Freunde.

Ihr Mann und die Kinder traten dann auch beim «Olympia» als «die fünf Montis» auf.

Genau. Anschliessend fuhren wir in den Sommerferien mit dem «Olympia» mit. Ich hätte das nicht gedacht, aber die Begeisterung meines Mannes und meiner Kinder war so gross, dass ich mir vorstellen konnte, eine ganze Saison lang mitzufahren. Am Ende wurden es drei Saisons, bevor wir zurück nach Wohlen gingen.

Hatten Sie Fernweh, zurück in Ihrem Haus in Wohlen?

Nein, ich nicht. Es war spannend für mich, zu reisen und immer neue Leute zu treffen. Aber ich hätte mich gut wieder daheim in Wohlen einleben können. Aber Guido war vom Zirkus-Virus gepackt. Und unser Sohn Johannes hatte sich bereits zum Jongleur ausbilden lassen.
Was aber auffällt, sind die vielfältigen, sehr starken Fähigkeiten der Artisten.
Quelle: Alex Spichale

Abgesehen von einigen Glitzerbändern an den Kostümen kommt das Programm vollkommen ohne Glamour aus.
Quelle: Alex Spichale

Also beschlossen Muntwylers, einen eigenen Zirkus zu gründen?

Nein, überhaupt nicht. Wir wollten nie einen eigenen Zirkus aufbauen. Mit einem Zirkus mitreisen, ja, aber wir kamen ja nicht aus einer Zirkusfamilie. Also schlossen wir uns einem anderen Zirkus an. Ich fand, wenn die Familie das unbedingt will, komme ich mit. Ich gab mir zwei Jahre Zeit, herauszufinden, ob ich das auch wirklich will.

Aber es wurden keine zwei Jahre daraus.

Nein, denn schon bald merkten wir, dass die beiden Familien verschiedene Auffassungen hatten und wir die unterschiedlichen Ideen nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen konnten. Also beschlossen wir, den anderen Zirkus zu verlassen. Als ich unsere Freunde daheim anrief, sagten sie alle das Gleiche: «Macht euren eigenen Zirkus, wir helfen.»

Und das überzeugte Sie?

Für Guido und Johannes war es ein Sekundenentscheid. Sie waren sofort Feuer und Flamme für die Idee, einen eigenen Zirkus aufzubauen. Also packten wir unserer Sachen samt Wohnwagen, WC-Wagen und Fassade und fuhren zurück nach Hause. Es war damals Ende September. Alles, was wir wussten, war, dass wir am 12. März 1985, also nur ein halbes Jahr später, mit dem «Monti» Premiere feiern wollten.

Waren Sie ebenfalls so enthusiastisch wie Ihre beiden Männer?

Nein, gar nicht. Vor allem die finanzielle Lage machte mir Sorgen. Man konnte ja nicht abschätzen, wie alles laufen würde. Dennoch habe ich mitgezogen und war unglaublich dankbar, dass alle unsere Freunde uns so sehr unterstützt haben.

Wenn Sie zurückschauen: Haben Sie den Entschluss, einen eigenen Zirkus aufzubauen, jemals bereut?

Dafür ist es sowieso zu spät (lacht). Nein, bereut habe ich es nicht. Es gab Momente, in denen ich zu spüren bekam, dass man uns als Zirkusfamilie nicht ganz ernst nahm. Wenn ich zum Beispiel die Elektriker im Voraus hätte bezahlen müssen, weil sie Fahrenden nicht vertrauten. Aber das haben wir immer sofort geregelt. Es war viel Arbeit, aber mir gefielen der Umgang mit den Leuten und das viele Reisen.

Selbst nach 30 Jahren fahren Sie noch mit. Wieso das?

Ich bin gern in Wohlen, aber das ganze Jahr dort zu sein, könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Beim Circus Monti habe ich meine Familie und meinen Job. Solange ich noch arbeiten kann, möchte ich das auch tun. Freunde kann ich trotzdem jederzeit besuchen.

Seit dieser Saison steht auch Ihr dritter Enkel, Nicola, in der Manege. Was ist das für ein Gefühl?

Darüber freue ich mich sehr. Mir ist es wichtig, dass jeder die Wahl hat, ob er beim «Monti» mitmachen will oder nicht. Schön, dass Nicola nun auch die Chance hat, mit seinen beiden Brüdern und seinem Vater aufzutreten. Natürlich bin ich sehr stolz auf sie alle.
1977 – Die Montis machen Ferien beim Circus Olympia
Quelle: Zur Verfuegung gestellt

Alte Aufnahme vom Circus Monti
Quelle: Felix Wey

(az Aargauer Zeitung)

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